Glamorous Upcycling – Wenn Street Art auf Wein trifft

Die Weinetiketten der Art Edition von Andrea Wycisk und das Porträt einer Künstlerin

Es gibt Weine, die überzeugen durch ihren Inhalt. Und es gibt Weine, die bereits vor dem ersten Schluck eine Geschichte erzählen. Die Art Edition der Weinmanufaktur Christian Schardt von der Mosel gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Hier trifft handwerklich erzeugter Wein auf die unverwechselbare Bildsprache der Kölner Künstlerin Andrea Wycisk – und daraus entsteht weit mehr als ein Etikett. Es entsteht ein Gesamtkunstwerk.

Bild von der Künstlerin Andrea Wycisk, sitzend in ihrem Atelier
Foto: Andrea Wycisk

Eine Künstlerin zwischen Straße und Galerie

Wer sich mit der Kunst von Andrea Wycisk beschäftigt, stößt schnell auf einen Begriff, der ihr Schaffen treffend beschreibt: „Glamorous Upcycling“. Die Kölner Künstlerin hat daraus ihre ganz eigene Handschrift entwickelt.

Wycisk arbeitet mit Materialien, die andere längst abgeschrieben haben. Alte Plakatschichten, verwitterte Werbeflächen und die Spuren urbaner Räume bilden die Grundlage ihrer Werke. Durch Schichten, Überlagerungen, Collagen und charakteristische Stencil-Techniken entstehen Bildwelten, die gleichzeitig roh und elegant wirken. Ihre Kunst bewegt sich zwischen Street Art, Pop Art und zeitgenössischer Décollagekunst.

Dabei geht es ihr nicht allein um Ästhetik. Vielmehr erzählt sie Geschichten über Transformation, Wertschätzung und die Schönheit des Unperfekten. Aus etwas Vergänglichem entsteht etwas Neues – ein Gedanke, der überraschend gut zur Welt des Weins passt.

„Mich fasziniert die Idee, Dingen ein zweites Leben zu schenken. Aus etwas Gebrauchtem entsteht etwas Neues, das wieder Wertigkeit und Aufmerksamkeit erhält. Genau das verstehe ich unter Glamorous Upcycling.“

Andrea Wycisk

Dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch ihr gesamtes Werk – und findet in der Zusammenarbeit mit der Weinmanufaktur Christian Schardt eine besonders spannende Ausdrucksform.

Wenn Kunst auf Wein trifft

Die Kooperation zwischen Andrea Wycisk und der Weinmanufaktur Christian Schardt aus Bullay an der Mosel basiert auf einer gemeinsamen Überzeugung: Qualität entsteht durch Persönlichkeit.

Auf der Rückseite der Flasche wird die Zusammenarbeit treffend beschrieben. Dort ist von einer Verbindung aus „edlem Wein und kunstvoller Ästhetik“ die Rede, die Genuss zu einem sinnlichen Erlebnis machen soll. Statt eines klassischen Weinetiketts entstand eine limitierte Art Edition, bei der die Flasche selbst zur Leinwand wird.

Der Wein dahinter ist ein Spätburgunder Weißherbst, ein deutscher Qualitätswein von der Mosel. Mit seiner zarten Roséfarbe und der eleganten Stilistik liefert er die ideale Bühne für das auffällige Artwork.

Weinetikett von Andrea Wycisk
Foto: Andrea Wycisk

Die Etiketten: Urban, selbstbewusst und voller Geschichten

Bereits der erste Blick auf das Frontetikett zeigt, dass hier bewusst mit Konventionen gebrochen wird.

Im Zentrum steht eine junge Frau in einer lässigen, beinahe rebellischen Pose. Sie sitzt entspannt auf einem Stadionstuhl, trägt Rollschuhe und Sportsocken und blickt selbstbewusst aus dem Bild heraus. Die Figur wirkt zugleich modern, urban und zeitlos. Umgeben wird sie von den typischen Strukturen und Fragmenten, die viele Werke von Andrea Wycisk prägen: gerissene Flächen, überlagerte Ebenen, grafische Kontraste und sichtbare Spuren des künstlerischen Prozesses.

Die Farbwelt harmoniert bemerkenswert mit dem Wein selbst. Die warmen Rosé-, Rot- und Beigetöne des Motivs greifen die Farbe des Weißherbstes auf und schaffen eine Verbindung zwischen Inhalt und Gestaltung. Dadurch wirkt die Flasche wie aus einem Guss.

Besonders spannend ist die Spannung zwischen Eleganz und Alltag. Während Wein oft über Tradition, Herkunft und Handwerk kommuniziert wird, bringt Wycisk eine moderne Perspektive ins Spiel. Die dargestellte Frau könnte ebenso gut Teil einer Street-Art-Wand in Köln sein wie Protagonistin einer Modestrecke. Genau diese Offenheit macht den Reiz des Motivs aus.

Es erzählt keine eindeutige Geschichte – sondern lädt dazu ein, eigene Geschichten darin zu entdecken.

Weinetikett von Andrea Wycisk
Foto: Andrea Wycisk

Mehr als Verpackung

Gute Weinetiketten informieren. Sehr gute Weinetiketten schaffen Identität.

Die Art Edition von Andrea Wycisk zeigt eindrucksvoll, wie stark Etikettendesign die Wahrnehmung eines Weins prägen kann. Das Etikett wird hier nicht zum dekorativen Beiwerk, sondern zu einem eigenständigen Bestandteil des Produkts. Es vermittelt Emotionen, transportiert Haltung und macht neugierig auf das, was sich hinter dem Verschluss verbirgt.

Gerade in einer Zeit, in der sich Weinregale immer stärker ähneln und Konsumenten nach Authentizität suchen, gewinnt diese Form der Gestaltung an Bedeutung. Die Flasche wird zum Gesprächsanlass, zum Sammlerstück und zum Ausdruck eines Lebensgefühls.

Genuss mit Charakter

Die Zusammenarbeit zwischen Andrea Wycisk und der Weinmanufaktur Christian Schardt ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie Wein und Kunst voneinander profitieren können.

Auf der einen Seite steht ein Mosel-Wein, der handwerklich erzeugt wurde und seine Herkunft selbstbewusst repräsentiert. Auf der anderen Seite eine Künstlerin, die mit ihrem Konzept des Glamorous Upcycling neue Perspektiven eröffnet und zeigt, dass Schönheit oft dort entsteht, wo man sie zunächst nicht vermutet.

Gemeinsam schaffen sie etwas, das über die Summe seiner Teile hinausgeht: eine Flasche, die nicht nur Wein enthält, sondern auch eine künstlerische Botschaft.

Oder anders gesagt: Man kann diesen Spätburgunder Weißherbst trinken. Man kann ihn aber auch betrachten.

Im Idealfall tut man beides.


Teil 1 der VYNO-Serie über Weinetiketten: „Weinetiketten – Zwischen Information und Inszenierung“

Teil 2 der VYNO-Serie über Weinetiketten: „Weinetiketten – Die Kunst des Weinetiketts“

 

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