Hoch über Meran, wo karge Böden und alpine Sonne aufeinandertreffen, schreibt Hansi Verdorfer eine der ehrlichsten Weingeschichten Südtirols.
Es gibt Orte, an denen man spürt, dass Wein kein Produkt ist, sondern ein Versprechen. Der Riedingerhof in Meran ist so ein Ort. Eingebettet in weitläufige Obstgärten, umgeben von steilen Weinberglagen und mit einem Blick auf die majestätische Texelgruppe, liegt hier ein Familienbetrieb, der seit Generationen für Ursprünglichkeit steht – und seit 2012 auch für einige der aufregendsten Naturweine ganz Südtirols.

Was ist eigentlich Naturwein?
Bevor wir uns dem Riedingerhof und seinen Weinen widmen, lohnt ein kurzer Blick auf das, was den Begriff „Naturwein“ eigentlich ausmacht – denn er ist zugleich eine Haltung, eine Produktionsphilosophie und bisweilen ein Politikum in der Weinwelt.
Naturwein bezeichnet Weine, die ohne oder mit minimalem Einsatz von Zusätzen und technischen Eingriffen hergestellt werden. Der Begriff ist rechtlich nicht geschützt, aber inhaltlich klar umrissen: Biologischer oder biodynamischer Anbau ist Voraussetzung, Handlese Standard. Im Keller verzichtet der Naturwinzer auf Schönungsmittel, Enzyme, industrielle Reinzuchthefen und weitgehend auch auf Schwefeldioxid.
Das Herzstück ist die Spontangärung: Statt zugekaufter Hefen übernehmen wilde, im Weinberg lebende Mikroorganismen die Vergärung des Mosts – ein Prozess, der langsamer, unberechenbarer und ungleich charaktervoller ist.
Was den Naturwein vom konventionellen Wein unterscheidet? Schlicht: Er ist weniger gemacht, mehr gewachsen. Keine Manipulation des Geschmacksprofils, keine Stabilisierung auf Kosten der Lebendigkeit. Naturweine können trüb sein, können in der Flasche weiteratmen, können von Jahrgang zu Jahrgang variieren. Genau das macht sie für viele so faszinierend.
Der Riedingerhof – Wein, Apfel und alpine Gastlichkeit
Wer den Riedingerhof auf der Schennastraße 45 in Meran ansteuert, findet sich bald in einem der schönsten Winkel des Burggrafenamts wieder. Oberhalb der Stadt, im Stadtteil Obermais, liegt der Hof eingebettet in einen weitläufigen Obstgarten. Der Schwemmkegel des Naifbaches sorgt hier für skelettreiche, fruchtbare Böden; das Klima mutet fast mediterran an – ideal für Trauben wie für Menschen.
Der Riedingerhof ist ein klassischer Südtiroler Mehrspartenbetrieb, wie er schöner kaum sein könnte: Obstbau, Weinbau und Tourismus finden unter einem Dach zusammen, geführt von der Familie Verdorfer mit einer Herzlichkeit, die man spürt, sobald man das Hoftor passiert.
Das Hotel – Entspannung mit Weinklang
Die Pension Riedingerhof (drei Sterne) bietet komfortable Balkonzimmer und stilvolle Apartments im mediterranen Flair, alle mit Südterrasse oder Südbalkon und dem atemberaubenden Blick auf die Texelgruppe. Ein Freischwimmbad mit Whirlpool, eine großzügige Parkanlage und ein reichhaltiges Frühstücksbuffet mit hofeigenen Produkten machen den Aufenthalt vollständig. Hausgäste kommen in den besonderen Genuss, bei einer der wöchentlichen Weinverkostungen mit Hansi Verdorfer direkt in den Weinberg und den Keller hineinzuschnuppern.
Riedingerhof – das Weingut
Rund drei Hektar Reben bewirtschaftet der Riedingerhof heute – verteilt auf erstklassige Lagen wie den Tappeinerweg, Schenna oder Obermais. Die Weinberge sind oft steil und exponiert, geprägt von nährstoffarmen Böden aus Granit, Porphyr und Kalkarmut. Diese Kargheit ist kein Mangel, sondern ein Vorteil: Sie zwingt die Reben zur Tiefwurzelung und verleiht den Weinen jene markante Mineralität, die man kaum anderswo findet.
Angebaut werden Sauvignon Blanc, Chardonnay, Manzoni Bianco, Weißburgunder, Blauburgunder, Lagrein und Vernatsch – alles in Handarbeit, alles biologisch.
Hansi Verdorfer – der Winzer, der dem Wein zuhört
Hans Verdorfer, von allen „Hansi“ gerufen, ist kein Winzer, der nach Schema F produziert. Er ist einer, der beobachtet, wartet und versteht. Als Kind war der jahrhundertealte Weinkeller des Riedingerhofs für ihn ein geheimnisvolles Versprechen – der Hof selbst war damals weinbaulich nicht aktiv, die Familie konzentrierte sich auf Obstbau und Gästebewirtung. Doch der historische Keller ließ Hansi nicht los.
2012 entschied er sich, die Weinbautradition des Hofs neu zu beleben – und tat dies auf seine ganz eigene Art: kompromisslos biologisch, konsequent naturbelassen, ohne Verbiegung an Modetrends. Seither reift sein handwerkliches Können von Jahrgang zu Jahrgang, und mit ihm die Komplexität seiner Weine.
Bodenständig, authentisch, neugierig – drei Worte, die Hansi gut beschreiben. Und seine Weine beschreiben ihn zurück.
„Für mich sind die Pflege unserer Weinberge, die Weinlese im Herbst, die Arbeit im Keller und die wöchentliche Weinverkostung mit unseren Gästen ganz besondere Momente.“
— Hansi Verdorfer, Winzer Riedingerhof
Das Portfolio – acht Charakterköpfe aus Meran
Der Riedingerhof umfasst ein überschaubares, aber charakterstarkes Portfolio von acht Weinen. Jeder trägt einen eigenen Namen, der mal lautmalerisch, mal topographisch auf seine Herkunft oder Seele verweist:
| Wein | Rebsorte | Farbe |
|---|---|---|
| LaMa | Manzoni Bianco | Weißwein |
| Sauvignon Blanc | Sauvignon Blanc | Weißwein |
| DanFora | Chardonnay | Weißwein |
| SassPinot | Weißburgunder | Weißwein |
| LaNoirVer | Rosé | Roséwein |
| VerNoir | Blauburgunder / Pinot Nero | Rotwein |
| LiRo | Lagrein | Rotwein |
| FraSchiaTa | Vernatsch | Rotwein |
Alle Weine entstehen aus biozertifiziertem Anbau, durch Spontangärung mit weinbergeigenen Hefen und ohne technische Korrekturen im Keller.
Im Glas: Weine, die uns begeistert haben
Wir haben das gesamte Portfolio verkostet. Drei Weine haben uns dabei besonders bewegt. Unser Fazit vorab: Diese Weine sind keine Kompromisse. Sie sind Haltungen. Und sie sind anders – naturbelassen eben.
VerNoir – Blauburgunder / Pinot Nero | Jahrgang 2021
Der Blauburgunder ist die wohl kapriziöseste Rebsorte der Welt. Sie verlangt nach kühlen Nächten, armen Böden und einem Winzer, der ihr nicht zu sehr nach dem Mund redet. Am Riedingerhof hat sie genau das gefunden. Auf den exponierten, granitsteinreichen Lagen in Schenna entwickelt der Pinot Nero eine Tiefe und Transparenz, die an große Burgunder erinnert – ohne sie imitieren zu wollen.
Der 2021er VerNoir vergärt spontan durch weinbergeigene Hefen im Edelstahl und reift anschließend 21 Monate in gebrauchten Barriques. Im Glas zeigt sich ein strahlendes Rubinrot. Die Nase ist sofort verführerisch: Johannisbeere, Waldhimbeere, reife Kirsche, ein Hauch Lavendel und feine Gewürznoten. Am Gaumen leichtfüßig und doch komplex, mit seidigen Tanninen, saftiger Frucht und einer erfrischenden Säure. Der Abgang ist lang und aromatisch.
Ein Wein für besondere Abende, der hervorragend zu Wildgerichten und geschmortem Rindfleisch passt.
Verkostungsnotiz | VerNoir Blauburgunder / Pinot Nero 2021
| Rebsorte | Blauburgunder / Pinot Nero |
| Jahrgang | 2021 |
| Herkunft | IGT Mitterberg, Lage Vernaun in Schenna |
| Ausbau | Spontangärung im Edelstahl; 21 Monate in gebrauchten Barriques; ungefiltert und ungeschönt |
| Farbe | Strahlendes Rubinrot mit violetten Reflexen |
| Nase | Waldhimbeere, Sauerkirsche, Lavendel, feine Gewürznoten |
| Gaumen | Elegant und saftig; seidige Tannine; lebendige Säure und große Balance |
| Abgang | Lang, fruchtig-würzig und nachhaltig |
| Trinktemperatur | 16–18 °C |
| Speisenbegleitung | Wildgerichte, Schmorbraten, gereifter Hartkäse |
Sauvignon Blanc | Jahrgang 2022
Sauvignon Blanc gehört zu den Rebsorten, die oft über ihre markanten Primäraromen definiert werden. Viel Stachelbeere, viel Grasigkeit, viel Wiedererkennungswert. Hansi Verdorfer verfolgt am Riedingerhof jedoch einen anderen Ansatz. Sein Sauvignon Blanc ist kein lauter Vertreter seiner Art, sondern ein Wein, der Herkunft, Boden und Handwerk in den Mittelpunkt stellt.
Die Trauben stammen aus zwei Meraner Lagen auf 400 bis 480 Metern Meereshöhe. Nach drei Tagen Maischekontakt erfolgt die spontane Vergärung mit den natürlichen Hefen aus dem Weinberg. Ausgebaut wird der Wein überwiegend im Edelstahltank, ein kleiner Teil reift im gebrauchten Tonneau. Das Ergebnis ist ein Sauvignon Blanc, der Frische und Substanz auf bemerkenswert harmonische Weise vereint.
In der Nase entfaltet sich ein feines Aromenspiel aus Litschi, Pampelmuse und frischen Zitrusnoten. Dazu kommen Anklänge von Holunderblüten und getrocknetem Heu, die dem Wein eine unverwechselbare alpine Prägung verleihen. Am Gaumen zeigt sich der 2022er saftig und geschmeidig, zugleich aber präzise und mineralisch. Die gut eingebundene Säure sorgt für Spannung und Frische, ohne jemals vordergründig zu wirken. Im langen Nachhall bleiben zitrische Noten, Kräuteranklänge und eine feine steinige Mineralität präsent.
Als Aperitif macht dieser Sauvignon Blanc ebenso viel Freude wie als Begleiter zu leichten Vorspeisen, Fischgerichten oder hellem Fleisch. Ein charaktervoller Sommerwein, der mit Eleganz statt Lautstärke überzeugt.
Verkostungsnotiz | Sauvignon Blanc 2022
| Rebsorte | Sauvignon Blanc |
| Jahrgang | 2022 |
| Herkunft | IGT Mitterberg, Lagen Winkelweg (400 m ü. M.) und Hofstelle (480 m ü. M.) bei Meran |
| Ausbau | Drei Tage Maischekontakt, spontane Vergärung mit weinbergeigenen Hefen; Ausbau zu 70 % im Edelstahltank und zu 30 % im gebrauchten Tonneau; anschließend 12 Monate Flaschenreife |
| Alkohol | 13,0 % vol. |
| Farbe | Helles Strohgelb mit zarten grünlichen Reflexen |
| Nase | Litschi, Pampelmuse, Holunderblüte, feine Zitrusanklänge und frisches Heu |
| Gaumen | Saftig und geschmeidig, mit lebendiger Säure, klarer Mineralität und ausgewogener Frucht |
| Abgang | Lang anhaltend, frisch und mineralisch mit dezenten Zitrus- und Kräuternoten |
| Trinktemperatur | 8–10 °C |
| Speisenbegleitung | Aperitif, leichte Vorspeisen, Fischgerichte, helles Fleisch |
LaMa – Manzoni Bianco | Jahrgang 2023
Und dann ist da noch dieses kleine Geheimnis im Portfolio des Riedingerhofs: der LaMa. Eine Rebsorte, die 1933 als Kreuzung aus Riesling und Weißburgunder entstand und es – zu Unrecht – nie ganz an die Spitze der Aufmerksamkeit schaffte. Am Riedingerhof bekommt der Manzoni Bianco die Bühne, die er verdient.
Die Spontangärung erfolgt in Keramik-Tonfässern, der Ausbau dauert 18 Monate in gebrauchten Eichenfässern. Der LaMa 2023 ist ein Wein mit echter Persönlichkeit: In der Nase Jasmin, weißer Pfeffer, Zitrusschalen und ein Hauch Pfirsich. Am Gaumen unglaublich saftig, mit einem speicheltreibenden Säurenerv und einer fast salzigen Mineralität.
Dieser Wein duftet nach Urlaub – und schmeckt nach gelebtem Augenblick. Für uns der überraschendste und vielleicht auch faszinierendste Wein der Verkostung.
Verkostungsnotiz | LaMa Manzoni Bianco 2023
| Rebsorte | Manzoni Bianco (Kreuzung Riesling × Weißburgunder) |
| Jahrgang | 2023 |
| Herkunft | IGT Mitterberg, Lage Meran-Labers, 600 m ü. M. |
| Ausbau | Spontangärung in Keramik-Tonfässern; 18 Monate in gebrauchten Eichentonneaux; ungefiltert und ungeschönt |
| Farbe | Kräftiges Strohgelb mit goldenen Reflexen |
| Nase | Jasmin, weißer Pfeffer, Zitrusschalen, Pfirsichhaut, reife Birne |
| Gaumen | Außergewöhnlich saftig; lebendige Säure; markante, fast salzige Mineralität |
| Abgang | Lang, mineralisch und frisch |
| Trinktemperatur | 13–15 °C |
| Speisenbegleitung | Fisch, Meeresfrüchte, Geflügel, würzige Salate, reife Weichkäse |
Positiv überrascht vom Riedingerhof. Sehr sogar.
Wir gestehen: Wir sind mit einer gewissen Erwartungshaltung an die Naturweine aus Meran herangegangen. Was wir vom Riedingerhof verkostet haben, hat diese Erwartungen deutlich übertroffen. Hansi Verdorfers Weine sind keine romantischen Experimente und keine naturweinige Selbstinszenierung. Sie sind präzise, eigenständig und voller Charakter.
Jeder Wein trägt unverkennbar die Handschrift seines Winzers und die Herkunft seiner Böden in sich. Genau darin liegt ihre Stärke. Sie wollen nicht gefallen um jeden Preis, sondern erzählen eine Geschichte – von Meran, von Granit und Porphyr, von Geduld und Handwerk.
Wer authentische Südtiroler Weinkultur jenseits der großen Kellereien sucht, sollte die Naturweine vom Riedingerhof unbedingt auf seine persönliche Entdeckungsliste setzen. Sie gehören zu den spannendsten Botschaftern einer Weinregion, die weit mehr zu bieten hat als ihre bekannten Klassiker.